Bernhard Peter
Fallstricke beim Zeichnen von Helmdecken

1. Fallstrick: Eine Helmdecke basiert auf einem Tuch
Weil das Zeichnen von Helmdecken vielen Menschen immer noch Schwierigkeiten macht, hier ein paar Anmerkungen zu häufigen Fehlern. Eine Helmdecke ist ihrem Wesen nach ein Tuch. Ein Tuch, das auf den Helm gelegt wird und zu beiden Seiten herabfällt. Wie die Seiten gestaltet werden, in wie viele Zaddeln das Tuch aufgelöst wird, wie die ganzen Zipfel im Raum stehen, das unterliegt der künstlerischen Freiheit. Nicht der künstlerischen Freiheit unterliegt die schlichte Tatsache, daß es sich um ein Tuch handelt. Weder um Blumengirlanden, noch um Laubgewinde und auch nicht um spiralige Linien ohne Körperlichkeit. Das Wort "Tuch" beinhaltet auch die schlichte Tatsache, daß es sich um ein Stück Stoff handelt. Dieser wurde zwar mit der Schere bearbeitet, eingeschnitten, zugeschnitten, ausgeschnitten, aber es bleibt ein Tuch mit Vorder- und Rückseite, das man wieder vom Helm abnehmen und auf einer ebenen Fläche ausbreiten kann. Eine Helmdecke ist nicht aus mehreren Streifen zusammengenäht, an den Zaddeln wird auch nicht gestückelt wie bei einer künstlichen Haarverlängerung. In der plakativen Darstellung unten wird deutlich, daß eine auch noch so komplexe Auflösung in Zaddeln immer noch auf der schlichten Tuchform beruht, die eben eingeschnitten wird. Angenähte Teile sowie Stücke, die grundlos irgendwohinter hervorkommen und sich nicht logisch aus der Tuchfläche ergeben, sind nicht korrekt.

2. Fallstrick: Eine Helmdecke kann keine drei Außenkanten haben
Die Hauptforderung an eine korrekte Helmdecke ist, daß sie technisch realisierbar ist. Um das zu sehen, braucht man ein bißchen räumliches Vorstellungsvermögen. Ein Stück Stoff hat eine Vorderseite und eine Rückseite, keine dritte Seite. Fakt ist, daß ein normaler Fetzen Stoff - quer betrachtet - zwei Ränder hat. Man kann eine dritte Kante kriegen, wenn man den Stoff faltet oder entsprechend weit biegt. Dann muß die Randgestaltung aber auch dazu passen, denn an der Falte (gestrichelte Linie) dürfen auf der ganzen Länge keine Zaddeln sein, nur an den Außenkanten. Das obere Beispiel ist richtig, die ganze untere Kante ist der Falz, wenn man das rote Stück herunterklappt, hat man wieder ein ebenes Stück Stoff. Würde man das im unteren Fall tun, wird klar, daß der untere rote, hakenförmige Zipfel nicht sein kann. Eine solche Gestaltung ist technisch nicht möglich und daher falsch.

Genau das Gleiche gilt für folgendes Beispiel: Ausgehend von der rechten Skizze, die das ausgebreitete und zugeschnittene Stück Tuch zeigt, wird die untere rechte Seite hochgeklappt. Weil der Falz aus einer geknickten Fläche entstand, dürfen an ihm auf seiner ganzen Länge keine Zaddeln sein. Der untere Fall ist fehlerhaft - würde man hier den roten Teil herunterklappen, würde der Stoff mindestens an der Engstelle reißen - was klar macht, daß so etwas zwar auf dem Papier geht, niemals aber technisch realisierbar ist. Damit ist es ebenfalls falsch.

3. Fallstrick: Ein Stück Stoff kann nicht mitten aus der Fläche entspringen
Und mitten aus der Stoff-Fläche kann nicht einfach ein weiterer Lappen entspringen. Im oberen Fall entsteht der rote Zipfel durch Umschlagen des einen der beiden fischschwanzartigen Zipfel nach innen, dadurch wird die Außenseite sichtbar. Im unteren Fall steht der Zipfel mitten auf der geschlossenen Fläche - technisch unmöglich und daher falsch. Betrachten wir es genauer: Der gelbe Teil ist Innenseite, nicht sichtbar ist die rote Rückseite, denn keine Partie ist umgebogen. Mittendrin nun der rote Haken - offenbar Außenseite. Ein Stück Stoff hat eine Vorder- und eine Rückseite. Das sind genau zwei Seiten und nicht drei und auch nicht vier. Die untere Gestaltung ist daher falsch.

Bei der Aufgabelung eines Stoffstreifens in zwei Teilstreifen sollte darauf geachtet werden, daß der Schnitt eine Teilungslinie ist, die für beide Teilstreifen gilt. Im linken Beispiel ist das eine saubere Sache: Schnitt, und ab der Trennung hat jeder Streifen sein Eigenleben. Doch wie wurde im mittleren Fall geschnitten? Damit eine solche Sache möglich würde, müßte man mit einer Rasierklinge horizontal in ein vor einem liegendes Stück Stoff einschneiden, den Stoff in zwei übereinanderliegende einzelne Lagen spalten, das Tuch praktisch in seiner eigenen Ebene in einen "Oberstoff" und einen "Unterstoff" aufschneiden - oder nähen. Also ist eine solche Aufspaltung, wo aus einer Lage Stoff an der Überlappungsstelle wie durch Zauberhand zwei Lagen Stoff mit zwei Vorderseiten und zwei Rückseiten werden, nicht tatsächlich realisierbar und damit falsch. Ganz anders wieder im rechten Fall: Hier ist das Tuch in Verlängerung der Schnittlinie in einer Art "Bergfalte" (Begriff aus dem Origami) gefalzt, beide Teilstreifen rollen sich ein, der vordere nach vorne, der hintere nach hinten - das geht sehr wohl, aber dann sind die Farben auch anders verteilt.

4. Fallstrick: Überblick behalten!
Je komplexer und üppiger die Decken gestaltet werden, desto unübersichtlicher werden sie. Und wo es unüberschaubar wird, schleichen sich schnell Fehler ein. Im folgenden Beispiel besteht der gezeigte Abschnitt aus zwei Hauptstreifen, von denen der untere vor dem oberen rübergezogen wird, U-förmig in sich eingeschlagen. Hier ist auf saubere Trennung zu achten. Oben geht der gesamte Streifen vor dem anderen her, ohne Verbindung zu diesem. In der unteren Abbildung läuft die Außenseite des vorne liegenden Streifens über in die Außenseite des hinteren Streifens. Rein technisch wäre das machbar, wenn der Stoff nicht ganz eingeschnitten wäre, sondern abschnittsweise geschlitzt. Falsch wird es aber dadurch, daß die Hinterkante des vorderen Streifens sichtbar bleibt - denn damit wird dieses Konstrukt technisch unmöglich, der Stoff hätte eine Seitenkante zuviel. Die untere Abbildung, so gefällig sie aussieht, ist nicht realisierbar und damit falsch.

5. Fallstrick: nicht durchwachsen lassen!
Eine weitere Falle lauert in der Staffelung im Raum. Je komplizierter die Verschlingungen, desto leichter schleichen sich Fehler diesen Typs ein. Man beachte stets, daß ein Stoffabschnitt als Ganzes vor oder hinter einem anderen Stoffabschnitt hergeht. Oben geht der vordere Streifen komplett vor dem hinteren vorbei. Unten dagegen geht die vordere Kante vor dem hinteren Streifen vorbei, die hintere Kante des vorderen Streifens aber hinter dem hinteren Streifen - was technisch nur möglich wäre, wenn man in den vorderen Streifen in der Mitte einen Schlitz schneidet und den hinteren Streifen dort hindurchfädelt - das ist aber nicht das Wesen eines im Wind flatternden Tuches. Das Zeichnen einer Helmdecke soll nicht zu Stoff-Origami ausarten. Daher ist die untere Darstellung falsch.

Bezüglich der Farbe ist stets darauf zu achten, daß ein Stück Stoff immer in der gleichen Farbe aus einem verdeckten Zustand hervorkommt wie es hinter einer anderen Bahn verschwunden ist, außer wenn in der Verdeckung ein Turn (eine Drehung) passiert. Das hört sich trivial an, ist aber in der Praxis ein häufiges Problem. Zur besseren Übersichtlichkeit läßt man besser keine Turns hinter etwas passieren, denn das Ergebnis verwirrt den Betrachter.

6. Fallstrick: Jeder einzelne Knick ergibt einen Farbwechsel
Ein weiterer Fallstrick lauert bei den Farbwechseln selbst. Dabei ist es so einfach: Einmal knicken: Farbe wechselt. Zweimal knicken: Farbe bleibt. Deshalb ist die obere Abbildung richtig: Vor dem Knick ist Außenseite (rot) sichtbar, nach dem Knick ist Innenseite (gold) sichtbar. Helmdecken, die vor und nach einem Knick die gleiche Farbe zeigen, sind falsch.

Und wenn zweimal geknickt wird, bleibt die Farbe bzw. ist wieder die selbe. Z. B. diese Art der Knickung ist nur möglich mit zwei Falzlinien, die in ca. rechtem Winkel aufeinander stehen. Auch wenn die beiden roten Flächen dominieren, darf nicht vergessen werden, daß der Stoff zwischen beiden Knickstellen seine Körperlichkeit nicht einfach verliert. Im oberen Fall ist es so gezeichnet, daß man ein bißchen goldene Innenseite des dazwischenliegenden Stoffes sieht. Im unteren Fall ist es dagegen so gezeichnet, daß man genau auf die Kante guckt und das dreieckige Zwischenstück dadurch nicht sichtbar in Erscheinung tritt. Es ist aber da und nicht verschwunden, es steht nur senkrecht zum Betrachter, und deshalb müssen auch hier beide sichtbare Teilstücke die gleiche Farbe haben. Man könnte nun argumentieren, der Streifen sei an dieser Stelle eingeschnitten. Auch das bessert die Situation nicht, denn wenn wir die Stellen rechts und links des Schnittes einfach auseinanderbiegen, haben sie immer noch die gleiche Farbe. Und wenn wir an der Engstelle eine Hälfte um 180 Grad verdrillen, so können zwar die Streifen unterschiedliche Farben haben, aber die Schnittkanten können nicht zur gleichen Seite der Engstelle sein - dann wäre eine nach vorne und die andere nach hinten zu zeichnen. Wie man es auch dreht und wendet, die untere rechte Abb. ist in jedem Falle falsch.

7. Fallstrick: 180°-Drehung - Farbe wechselt, 360°-Drehung - Farbe bleibt
Ganz analog gilt im folgenden Beispiel: Wenn sich Streifen einer Helmdecke spiralartig rollen, wechselt die Farbe bei einer 180-Grad-Drehung und bleibt die Farbe bei einer 360-Grad-Drehung. Eine spiralig gelegte Decke hat außen immer die selbe Farbe. Wenn man Farbwechsel beabsichtigt, sollte daher immer ein Zwischenstück sichtbar bleiben. Solange eine Helmdecke ein Tuch ist - was nun einmal definitionsmäßig Voraussetzung ist, ist eine Darstellung wie die zweite von rechts im Bild falsch.

Fazit: Wer Fehler kennt, erkennt und vermeidet sie!
Es ist gewiß nicht einfach, Helmdecken zu zeichnen. Zum Glück ist Stoff seinem Wesen nach elastisch, biegsam, faltbar und dehnbar. Dies eröffnet uns wunderbare Gestaltungsmöglichkeiten. Wir dürfen jedoch niemals aus den Augen verlieren, daß der Tuchcharakter nicht verloren gehen darf. Ob in Lappen oder Bänder zerschnitten, ob ganz oder gezaddelt, ob drei oder 20 Windungen im Raum - ein Tuch ist ein Tuch und bleibt ein Tuch. Und die Arbeit auf dem Papier oder am PC darf uns nicht verleiten, etwas zu machen, dem keine echte Situation entsprechen kann. Wie auch immer dargestellt, die Helmdecke muß technisch möglich sein.

An dieser Stelle möchte ich nachhaltig von der unreflektierten Verwendung von fertigen Clips aus käuflichen Sammlungen o.ä. abraten. Deren Entwickler haben meistens sehr wenig Ahnung von Heraldik und pfeifen auf deren Regeln. Die Helmdecken aus solchen Clip-Sammlungen "machen was daher", halten aber keiner näheren Überprüfung stand. In der Regel sind Clip-Helmdecken (z. B. Armorial Gold) daher ohne zusätzliche Nachbearbeitung unbrauchbar. Lieber eine einfache, aber richtige Helmdecke selber zeichnen.

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