Bernhard Peter
Fabelwappen und Phantasiewappen
bei Israhel van Meckenem

Phantasiewappen bei Israhel van Meckenem (1440-10.11.1503):
Vater (I. v. M. d. Ältere) und Sohn (I. v. M. d. Jüngere) Israhel an Meckenem waren beide niederrheinische bzw. rheinländische Kupferstecher (Meckenem = Meckenheim). Israhel an Meckenem d. J. hatte sein Atelier in Bocholt, und wurde mit 550 Kupferstichen, die künstlerisch und stilistisch führend waren, zu einem der bedeutendsten Kupferstecher seiner Zeit. Neben seiner eigenen künstlerischen Tätigkeit stach und verlegte er auch Arbeiten zeitgenössischer Kollegen. Hier sind zwei seiner Stiche, die jeweils ein außerordentliches Phantasiewappen zeigen, das von Jesus Christus. Auch wenn es weder zu Zeiten des historischen Jesus Wappen gab noch in der hebräischen Kultur Wappen üblich waren, wurde hier das Stilmittel der Heraldik gewählt, um Inhalte unverrückbar und nachdrücklich mit dem Heiland zu assoziieren.

 

In einem fast kreisrunden, etwas in der Höhe gestauchten Rahmen ist Christus zu sehen, im rechten Arm das Kreuz mit einer "ecce home"-Banderole haltend und mit der linken Hand seinen eigenen Schild haltend. Er steht perspektivisch nicht ganz einwandfrei vor bzw. halb auf einer von Bändern umspannten Kugel, die an die Art der Darstellung eines Reichsapfels erinnert. Sein Schild ist eine Ansammlung von Gegenständen seiner Leidensgeschichte, Kreuz, Säule, Leiter, Marterwerkzeuge, Hammer, Zange, Lanze und unten der von einem Tuch überdeckte Sarg bilden ein Panoptikum seiner Passion. Auf dem Helm, dessen Decken zum Flächenornament des gesamten Hintergrundes des Innenfeldes werden, ist ein wachsender Arm zu sehen, dessen zum Himmel weisende Hand von einem Strahlenkranz umgeben ist und zur segnenden und erlösenden Geste wird. Heraldik wird in dieser Darstellung zum Manifest von Passion und Erlösung. Vor dem Hintergrund, daß ein Wappen bestimmte Inhalte mit einem Träger dauerhaft assoziiert, und daß nur durch die bleibende Verknüpfung von Inhalten mit Personen und Familien ein Wiedererkennungswert erreicht wird, wird hier die Wahl der heraldischen Form zu einem gestalterischen Mittel der eindringlichen Betonung und Verstärkung der Assoziation von Leiden und Erlösung mit der abgebildeten Figur des Jesus Christus. Unten ist das Blatt mit "Israhel" vom Künstler signiert.

 

Der zweite Stich von Israhel an Meckenem zeigt das gleiche Motiv, nur anders dargestellt: Die Figur optisch links hält ein Vortragekreuz in der Rechten; mit der Linken hält sie den oberen Schildrand des Christus-Wappens fest, in dessen Schild sich noch mehr Attribute seiner Passion wiederfinden, Kreuz, Kranz, Tuch, Geißeln, Wassereimer, Würfel etc. Der Helm, der die gleiche Helmzier eines wachsenden Armes mit einer zum Himmel weisenden, segnenden Hand trägt, ist zusätzlich noch mit einer Dornenkrone umwunden. Vor dem Schild kauert ein Agnus Dei, daneben ein Abendmahlskelch. In den vier Ecken entdeckt man die geflügelten Symbole der vier Evangelisten, optisch rechts oben der geflügelte Mensch für Matthäus, unten rechts der Markuslöwe, unten links der geflügelte Stier für Lukas und schließlich oben links der Adler für den vierten Evangelisten, Johannes, alle vier nimbiert.

Literatur, Quellen und Links:
Die heraldischen Abb. historischer Künstler auf dieser Seite sind dem Werk entnommen: Georg Hirth (Hrsg., lebte 13.7.1841-28.3.1916): Der Formenschatz (früher: Der Formenschatz der Renaissance). Eine Quelle der Belehrung und Anregung für Künstler und Gewerbetreibende, wie für alle Freunde stylvoller Schönheit, aus den Werken der besten Meister aller Zeiten und Völker. Leipzig, Georg Hirth Verlag, 1884, ca. 32 x 24 cm. Textwerk mit losen Tafeln. Da die Künstler, Autoren und der Herausgeber länger als 70 Jahre nicht mehr leben, handelt es sich mittlerweile um gemeinfreie Werke.
http://de.wikipedia.org/wiki/Israhel_van_Meckenem_der_J%C3%BCngere
Wilhelm Schmidt, Israel van Meckenem, in: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB), Bd. 21, Duncker & Humblot, Leipzig 1885, S. 153 f., online
http://de.wikisource.org/wiki/ADB:Meckenem,_Israel_van

Fabelwappen - Fabelwappen bei Virgil Solis

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© Copyright / Urheberrecht am Text: Bernhard Peter 2012
Die Abb. sind selbst angefertigte Scans historischer, aufgrund ihres Alters gemeinfreier Originale.
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