Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 2318
Passau (Niederbayern)

Seminar St. Stephan

Beim Seminar St. Stephan handelt es sich um einen alten Domherrenhof (Domplatz 5), das ehemalige Marschalekhaus (nach dem Gerichtsnotar und königlich-bayerischen Advokaten Karl Marschalek, der hier im 19. Jh. wohnte) bzw. der ehemalige Starzhausen-Hof. Nach dem Stadtbrand von 1662 wurde dieser im Kern ältere Domherrenhof in privilegierter Lage in der Südwestecke des Domplatzes vom Domherrn Ferdinand Leopold Graf von Martinic neu erbaut. An diesem barocken Neubau, einem Vierflügelbau um einen Innenhof, der oben mit einem Walmdach abgeschlossen wird und zum Domplatz hin eine barocke Fassadengliederung zeigt, ist eine ältere Tafel mit einem Marienbild (Nachbildung des Altbunzlauer Gnadenbildes) und dem Wappen des Bauherrn zwischen den Fenstern des ersten Obergeschosses angebracht.

Nach der Säkularisation wurde das Gebäude 1803 Sitz des Stadtkommandanten Friedrich Freiherr von Montigny. 1843 wurde das Gebäude ein Knabenseminar. 1861 wurde das Gebäude aufgestockt. Seit 1881 ist in dem historischen Gebäude das Priesterseminar St. Stephan untergebracht. Dieses Priesterseminar wurde 1828 unter Bischof Karl Joseph Anton Freiherr von Riccabona Edler von Reichenfels (amtierte 1826-1839) neu gegründet. Es steht in Tradition sowohl des Jesuitenkollegs, das 1773 mit der Aufhebung des Ordens endete, als auch des Josepho-Leopoldinums, einer 1762 gegründeten bischöflichen Priesterbildungsanstalt, die 1803 mit der Aufhebung aller Institutionen des geistlichen Fürstentums aufgelöst wurde. Das nach 30jähriger Ausbildungslücke schließlich vom bayerischen König Ludwig I. erlaubte neue Priesterseminar kam zunächst im Stainerschen Priesterhaus unter, dann 1832 im Graf von Migazzi-Hof, der 1865-1866 um den sog. Heinrichsbau erweitert wurde, und schließlich 1881 im jetzigen Seminargebäude. Bayern besitzt mit dem Passauer Priesterseminar St. Stephan neben der entsprechenden Institution in Bamberg zwei Bildungsstätten für das dem eigentlichen Theologiestudium vorgeschobenen Propädeutikum für die Bistümer München und Freising, Regensburg, Augsburg und Passau.

 

Das farbig gefaßte Marienbild trägt oben auf einem Schriftband die Inschrift "DVLCIS MARIA" mit dem Chronogramm D + V + L + C + I + M + I = 500 + 5 + 50 + 100 + 1 + 1000 + 1 = 1657. Dieses ältere Relief ist damit vom Domherrn Ferdinand Leopold Graf von Martinic (28.7.1619-12.10.1691) nach der Zerstörung wiederverwendet worden. Bei diesem Domherrn handelt es sich interessanterweise um den Sohn des Jaroslav Martinic, der beim berühmten Prager Fenstersturz am 23.5.1618 den folgenreichen Wurf aus dem Fenster am eigenen Leib erfahren mußte und nach derart schlechten Erfahrungen mit den Pragern in das ruhigere Passau und nach München floh. Der in Passau geborene Ferdinand Leopold Graf von Martinic war an insgesamt sieben Domstiften Domherr und starb in Salzburg. Das Relief erhielt seinen heutigen Platz in der Fassade beim Umbau 1905.

Das Wappen der böhmischen Familie von Martinic (Schreibweise auch von Martinicz, von Martinic, von Martinicové, z Martinicz, von Martinitz) wird beschrieben im Siebmacher Band: Mä Seite: 77 Tafel: 60 und im Band: Bö Seite: 146 Tafel: 68. Es zeigt in Rot zwei an ihren ausgerissenen bewurzelten Stengeln vereinigte (bzw. verschlungene), gegeneinander gebogene und herzförmig eingerollte silberne Seeblätter, zwischen den Stengeln einen achtzackigen goldenen Stern einschließend. Damit ist die Familie Teil einer ganzen Gruppe von böhmischen und schlesischen Familien, welche die Seeblätter im Schild als gemeinsames Motiv führen, und zu denen z. B. die von Kaunitz, von Stosch, Richnovský von Reichenau, von Augendecz; Czerncziczky von Kaczow und die von Talmberg gehören. Dabei sind die Seeblätter ohne Stern (Alt-Martinic) das Stammwappen aller genannter Familien; der Stern der von Martinic kam später hinzu. Die hier nicht abgebildete Helmzier wäre zu rot-silbernen Decken ein roter Flug, jeder Flügel mit einem der Seeblätter belegt. Statt dessen wird der Schild von einer Krone überhöht. Zwei Greifen dienen als Schildhalter.

Die Familie, die sich nach der heute zerstörten Burg Martinic bei Wotitz (Votice) im Taborer Kreis nannte, gehört zum böhmischen Uradel und war seinerzeit in Böhmen reich begütert. Jaroslaw Borita von Martinic (6.1.1582-11.11.1649), Sohn des Jaroslaw Borita auf Berunic und Veltrub und der Johanna geb. Dašický von Barchov, k. k. geheimer Rat, Kämmerer und Obersthofmeister in Böhmen, königlicher Statthalter zu Prag, erhielt 1621 den Grafenstand. Das war der, der aus dem Fenster flog, und Vater des hiesigen Domherrn. Nach seiner Flucht wurden seine böhmischen Besitzungen eingezogen, und er wurde von der Landtafel gestrichen. Doch nach der Schlacht am Weißen Berg konnte Jaroslav Borita von Martinic zurückkehren, wurde rehabilitiert, bekam seine früheren Würden und Ämter zurück, und er wurde von Ferdinand II. zu Wien am 10.4.1621 in den Reichsgrafenstand mit dem Titel "Hoch und Wohlgeboren" erhoben. Dabei wurde sein angestammtes Wappen vermehrt: Im Schild fand der goldene Stern Eingang, und in der Helmzier wurde zwischen dem Flug der mit dem Erzherzogshute bedeckte österreichische Bindenschild angebracht, die Plätze belegt mit den Initialen F, M und R für Ferdinand II., Matthias und Rudolf II. Die Standeserhebung wurde am 6.1.1622 zu Wien mittels Majestätsbriefs Kaiser Ferdinands II. als König von Böhmen auch auf dieses Kronland ausgedehnt.

Zudem bekam er am 21.2.1634 den nach dem Recht der Erstgeburt weiterzugebenden Titel "Regierer des Hauses Smecna" nach der gleichnamigen Herrschaft im Prager Kreis, nach der sich die Herren von Martinic auch bisweilen nur Herren von Smecanský genannt hatten. Die Martinic saßen von 1418 bis 1945, also mehr als ein halbes Jahrtausend, auf Smecna und bauten die dortige Festung. Und als Krönung der Auszeichnungen wurde ihm vom Kaiser das große Palatinat verliehen.

Jaroslav Borita Reichsgraf von Martinic, 1638 Oberstburggraf des Königreiches Böhmen, kaiserlicher Geheimer Rat etc., hatte viermal geheiratet, in erster Ehe Maria Eusebia Herrin von Sternberg. Dadurch kam der goldene Stern in das bis dahin nur aus den zwei Seeblättern bestehende Schildbild, welcher dieses Wappen von den anderen Familien mit dem gleichen Schildbild unterscheidet. In zweiter Ehe hatte er Maria Magdalena Herrin von Vrtbý (-1643) geheiratet, in dritter Ehe Katharina Ludmillá Talacko von Ještetic (-11.5.1649) und schließlich 1649 in vierter Ehe Helena Barbara Kostomlatský von Vrešovic (-1682). Der Domherr Ferdinand Leopold Graf von Martinic stammt aus der ersten Ehe.

Der Familienbesitz wurde am 21.11.1633 mit kaiserlicher Bestätigung vom 6.1.1634 in ein Fideikommiß umgewandelt. Die Familie ist am 29.11.1789 mit Franz Karl Reichsgraf von Martinic, Regierer des Hauses Smecna im Mannesstamm erloschen; mit Bewilligung vom 2.11./29.12.1792 kam es zur Namens- und Wappenvereinigung mit einer Linie der Grafen von Clam als Grafen von Clam-Martinic, weil des Letztgenannten Tochter, Maria Anna Reichsgräfin von Martinic auf Smecna und Schlan am 6.7.1791 Karl Joseph Graf Clam geheiratet hatte. Dabei wurden beide Wappen in einem gespaltenen Schild vereinigt, das der von Martinic in der linken Hälfte. Der Erstgeborene dufte sich weiterhin "Regierer des Hauses Smecna" nennen. Aus dieser Familie stammt der Autor eines Standardwerkes über österreichische Burgen.

 

Das historische Gebäude wurde 1905-1907 von Johann Baptist Schott im Westen um einen neobarocken Flügel mit anschließender Seminarkirche in Verlängerung des rückwärtigen Flügels parallel zur Carlonegasse erweitert. Nach Beschädigungen im Zweiten Weltkrieg, bei dem das Dach und die Decken der Bibliothek sowie der Seminarkirche zerstört wurden, erfolgte 1958 die Wiederherstellung unter Bischof Simon Konrad Landersdorfer (amtierte 1936-1968, lebte 2.10.1880-21.7.1971), von dem wir ebenfalls einen Wappenstein am Gebäude finden, rechts an der Nordfassade über dem kleineren, rechtseckigen Portal, in einen gesprengten Dreiecksgiebel eingepaßt.

Dieser Bischof war seit dem 16. Jh. endlich wieder einmal ein Niederbayer auf dem Passauer Bischofsstuhl, denn er wurde im Dorf Neutenkam bei Geisenhausen geboren. Nach seinem Eintritt in den Benediktinerorden 1899 studierte er Theologie und erhielt 1903 vom Münchener Erzbischof Franz Joseph von Stein die Priesterweihe. An der Universität München studierte er auch noch Philologie und wurde 1906 darin promoviert. 1917 erwarb er einen zweiten Doktorgrad in Theologie an der Universität Freiburg. 1920 erhielt er eine Professur an der Benediktinerhochschule Sant'Anselmo in Rom für alttestamentliche Exegese.

Sein Wappen ist durch eine eingebogene Spitze in drei Felder unterteilt, Feld 1: in Rot ein ausgebrochenes, silbernes Patriarchenkreuz (Konvent des Klosters Scheyern), Feld 2: in Silber ein roter Wolf (Bistum Passau), Feld 3 (eingebogene Spitze): in Blau auf einem Grund die Altöttinger Gnadenkapelle mit silbernen Wänden und roten Dächern. Auf der rechten Schildoberecke ruht schräg die Inful; schräglinks ragt hinter dem Schild der Krummstab hervor, und der grüne Galero wird mit beiderseits je 10 grünen Fiocchi in vier Reihen geführt. Unten ist auf dem Schriftband die Devise zu erkennen: STAT CRUX DUM VOLVITUR ORBIS - Das Kreuz steht fest, während sich die Welt dreht (was übrigens auch der Wahlspruch des Kartäuserordens ist).

Zu Feld 1: Das Klosterwappen von Scheyern ist in Blau ein goldener Zickzackbalken. Hier wird vielmehr auf das Symbol des Scheyerner Konvents angespielt, der in seinen Siegeln ein Patriarchenkreuz führte, weil im Kloster ein Kreuzpartikel verehrt wird. Simon Konrad Landersdorfer, geboren als Josef Landersdorfer, Sohn von Landwirt Lorenz Landersdorfer und seiner Ehefrau Elisabeth, trat nach seinem Abitur 1899 in die Benediktinerabtei Scheyern, wo er schon die Lateinschule ab 1891 besucht hatte, unter dem Klosternamen Simon ein, legte am 28.10.1900 die Profeß ab, wurde zunächst Subprior und dann am 3.3.1922 vom Konvent zum Nachfolger des verstorbenen Abtes Rupert Metzleitner gewählt, und dieses Amt hatte er bis zur Wahl als Bischof von Passau inne. Von Papst Pius XI. wurde er 1928 gemeinsam mit Laurentius Zeller, Abt von St. Matthias in Trier, mit der Visitation der österreichischen Benediktinerklöster betraut. Der Bischof hatte also vor seiner Wahl 33 Jahre seines Lebens in der Benediktinergemeinschaft verbracht, was ihn entscheidend prägte; zeitweise übte er Lehrtätigkeit am Benediktinergymnasium Ettal aus und kehrte erst 1917 nach Scheyern zurück.

Zu Feld 2: Simon Landersdorfer wurde am 11.9.1936 durch Papst Pius XI. zum Passauer Bischof ernannt und empfing am 28.10.1936 die Bischofsweihe durch Kardinal Faulhaber. Nun nahm er als zweiten Vornamen den Namen Konrad an aus Verehrung für den 1934 heiliggesprochenen Bruder Konrad von Parzham. Er nahm 1962-1965 am Zweiten Vatikanischen Konzil teil. Aus Altersgründen übergab er am 27.10.1968 die Leitung des Bistums an Antonius Hofmann, der ihm seit 1961 als Koadjutor mit dem Recht der Nachfolge beigegeben war.

Zu Feld 3: Altötting wurde von Bischof Landersdorfer als Zentrum der Marienverehrung und katholisches Herz Bayerns gewählt. Zu den Fiocchi: Die 10 Fiocchi sind mehr als ein Bischof normalerweise führt, es ist die Anzahl eines Erzbischofs. Am 27.10.1968 wurde er als Emeritus zum Titularbischof von Ulcinium ernannt; er trat aber am 30.11.1970 aus Altersgründen von diesem Amt zurück. Auch dieses Titularbistum ist nicht der Grund für die 10 in der Farbe Grün geführten Fiocchi. Vielmehr liegt das daran, daß er 1948 als große Auszeichnung zum Päpstlichen Thronassistenten ernannt wurde, und als solcher führt er den grünen Galero mit den 2 x 10 Fiocchi wie ein Erzbischof.

Liste der Bischöfe von Passau (Ausschnitt):
unter Hervorhebung des hier mit seinem Wappen repräsentierten Bischofs

Literatur, Links und Quellen:
Priesterseminar St. Stephan: https://regiowiki.pnp.de/index.php/Priesterseminar_St._Stephan
Gebäude in Passau:
https://regiowiki.pnp.de/index.php/Kategorie:Gebäude_(Passau)
Wolfgang Kootz, Willi Sauer, Ulrich Strauch et al.: Die Dreiflüssestadt Passau - Stadtführer, Verlag Simon Sauer Verlag & Design Sinsheim, 2015, ISBN 978-3-940391-66-7
Peter Morsbach, Irmhild Heckmann, Christian Later, Jörg-Peter Niemeier: Denkmäler in Bayern, Band II.25 Kreisfreie Stadt Passau, Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 2014, ISBN 978-3-7917-2552-9
August Leidl: Die Priesterbildung im Bistum Passau, von der Domschule bis zum Klerikalseminar St. Stephan, in: Franz Xaver Eder: Festschrift 150 Jahre Priesterseminar St. Stephan in Passau 1828-1978, Passau 1978
Hinweistafel am Gebäude
Ferdinand Leopold Graf von Martinic:
https://regiowiki.pnp.de/index.php/Ferdinand_Leopold_Graf_von_Martiniz
Franz Mader, Stadtarchiv Passau: Tausend Passauer. Passau 1995, ISBN 3-924484-98-8
von Martinic:
https://de.wikipedia.org/wiki/Martinic
Siebmachers Wappenbücher wie angegeben
Simon Konrad Landersdorfer:
https://de.wikipedia.org/wiki/Simon_Konrad_Landersdorfer
Georg Schwaiger: Simon Konrad Landersdorfer, in: Neue Deutsche Biographie, Bd. 13, Duncker & Humblot, Berlin 1982, ISBN 3-428-00194-X, S. 498 f.
http://www.deutsche-biographie.de/pnd118726196.html - http://daten.digitale-sammlungen.de/0001/bsb00016330/images/index.html?seite=514
Simon Konrad Landersdorfer:
http://www.catholic-hierarchy.org/bishop/blansk.html
Simon Konrad Landersdorfer:
http://www.orden-online.de/wissen/l/landersdorfer-simon-konrad/
Claus D. Bleisteiner: Kirchliche Heraldik in Bayern, die Wappen der Erzbischöfe und Bischöfe seit 1817, Verlag Degener, 1986, Neustadt an der Aisch, ISBN 3-7686-7009-0, S. 92-93
Liste der Bischöfe von Passau:
https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Bischöfe_von_Passau
Übersicht über die Bischöfe von Passau:
http://www.catholic-hierarchy.org/diocese/dpass.html
Übersicht über die Bischöfe von Passau mit Kurzbiographie:
http://www.bistum-passau.de/bistum/archiv/geschichte/allgemein/reihenfolge-der-bischoefe
Wappen der späten Fürstbischöfe von Passau:
http://www.europeanheraldry.org/germany/ecclesiastical-states-empire/ecclesiastical-bench-1600-1800/furstbistum-passau-1600-1800/
August Leidl: Die Bischöfe von Passau 739-1968 in Kurzbiographien, Neue Veröffentlichungen des Instituts für Ostbairische Heimatforschung Nr. 38, Verlag des Vereins für Ostbairische Heimatforschung, Passau, 2. Auflage 1978.
Eduard Zimmermann, Bayerische Kloster-Heraldik, die Wappen der Äbte und Pröpste der bis zur allgemeinen Säkularisation in Ober- und Niederbayern, der Oberpfalz und bayerisch Schwaben bestandenen Herrenklöster, Selbstverlag des Verfassers, München 1930

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